Gedanken zum Evangelium des 23. Sonntags
(
Mk 7,31-37)
Das religiöse Grundwissen vieler Menschen, auch in Westdeutschland,
ist gleich Null.
Und ich meine damit das Wissen der Menschen, die sich noch einer Kirche zurechnen.
Solche Erfahrungen offenbaren die Form religiöser Taubstummheit, auf die der Glaube heute
weitgehend trifft. Im eigenen Lebens- und Arbeitsbereich stoßen wir täglich darauf. Man
fragt sich:
- "Hat ein Religionsunterricht unter diesen Bedingungen noch Sinn?".
- "Versickern nicht ebenso viele Tauf- und Brautleutegespräche, Erstkommunion- und
Firmvorbereitungen ergebnislos im Sande?"
- Hat es noch Sinn, wenn gläubige Eltern mit Liebe und viel Geduld gegen die tauben Ohren
Heranwachsender anreden?"
Als vermeintliche Lösung bietet sich in vielen Fällen ein Rückzug
an; ein Rückzug auf die eigene religiöse Praxis in einen Winkel des Familienlebens; der
Rückzug auf den harten Kern der Gemeinde, wo man unter Gleichgesinnten ist. Nur, die
Botschaft Jesu erwartet offensichtlich anderes von uns.
Heil auch für die am Rande
Das Markusevangelium erzählt im 7. Kapitel Vers 31-37, wie Jesus vom Norden
zurückwandert nach Galiläa, dem Zentrum seiner Verkündigung. Aber er macht dabei einem
schwer verständlichen Umweg, der uns beim Lesen, ohne auf die Landkarte zu schauen, gar
nicht auffallen wird. Für den Evangelisten ist das kein Versehen, sondern missionarische
Absicht. Er will damit die Offenheit der christlichen Verkündigung demonstrieren. Sie
beschränkt sich eben nicht auf das jüdische Kernland, sondern richtet sich ebenso an die
heidnischen Randgebiete. Denen, die nach Meinung gläubiger Juden am Rande leben, wird
beispielhaft durch die Heilung des Taubstummen, das Ohr für die Glaubensbotschaft
geöffnet und die Zunge für den Lobpreis des wahren Gottes gelöst.
Uns kann dadurch aufgehen: Galiläa, das Zentrum ist da, wo die frohe
Botschaft verkündet wird und Menschen durch Jesus heil werden. Wir sind eingeladen, mit
Jesus gezielte Umwege dorthin zu machen, wo wir heidnisches Randgebiet vermuten und die
Heilung von religiöser Taubstummheit lieber beauftragten Spezialisten überlassen
würden.
Auch die gläubige Kerngemeinde kann Jesus gegenüber taub werden!....
wenn sie zum Rückzug neigt und von den sogenannten Randchristen Abstand nimmt.
Die Sehnsüchte der Menschen ansprechen
Nur mit Behutsamkeit und großer Sensibilität werden wir uns an jene Fragen, Sehnsüchte
und Nöte herantasten können, die einen Menschen im Innern, unter der Oberfläche
bewegen. Was unter uns oft als rein menschliches Vorfeld bezeichnet wird, kann durchaus
zum gezielten missionarischen Weg werden. Der versprochene Beistand des heiligen Geistes
und das Vertrauen auf seine heilende Kraft können uns Geduld schenken, wenn es lange
dauert, bis einer unter vielen bekennt: "Er hat alles gut gemacht" (Markus
7,37).
Es grüßt Sie
Pater
Siegfried Coldehoff SCJ
zu anderen
interessanten Texten und Links