"Worüber habt ihr unterwegs miteinander gesprochen?" (Mk 9,33)
Die Jünger schwiegen, als der Herr sie so fragte. Denn sie hatten darüber
gesprochen, wer von ihnen der Größte sei. Dass Menschen so etwas besprechen,
ist tief menschlich, es ist so alltäglich. Und wenn man nicht gerne laut davon
spricht, dann träumt vermutlich mancher doch davon: Ob er selbst nicht der
Größere oder Größte sei? Denn Großsein, - Oben sein, - über andere,
- anderen etwas zu sagen haben, - ja, dann ist man doch wer? So glaubt man.
Und wie reagiert Jesus? Zunächst heißt es von ihm: "Da setzte er
sich." Ein deutliches Zeichen, dass er ihnen jetzt etwas zu sagen hat, das
von größter Bedeutung ist. Und was sagt er ihnen? Folgendes: "Wer bei
euch er Erste sein will, der sei der Letzte von allen und der Diener
aller!" (Mk 9,35)
Was mögen die Jünger gedacht haben, als sie das hörten, - und was denken
wir? Wenn ich im Geiste herum schaue und mich erinnere, wie es in manchen
Gemeinden, - in manchen Diözesen, - in der großen Weltkirche oftmals noch
zugeht, dann habe ich den Eindruck, dass viele wohl immer noch zu meinen
scheinen: So ganz konkret habe Jesus das vom "Diener aller sein", wohl
nicht gemeint, - es sei vermutlich eine orientalisch überspannte
Ausdrucksweise!
Aber ich bin sicher, Jesus wollte, dass die Jünger, - dass wir dieses Wort
von ihm unbedingt ernst nehmen. Mir kam beim Nachdenken ein Wort Jesu in den
Sinn; er sprach es, als er vor Pilatus stand: "Mein Königtum ist nicht von
dieser Welt!" (Joh 18,36) - Damit sagt er uns, wie ich glaube: Holt eure
Orientierung, wenn es um das Reich Gottes geht, - wenn es darum geht, mein
Wort zu verstehen, nicht bei den Herrschafts- oder Organisationsformen in der
Welt! Davon macht euch vielmehr völlig frei! Denn in meinem Königstum
erwächst der Zusammenhalt, das Miteinander aus einem neuen Geist! Erschließen
könnt ihr euch diesen neuen Geist, wenn ihr euch zum Beispiel vor Augen haltet:
"Ihr alle seid Kinder des einen Vaters"; der aber "liebt die
Welt, die Menschen so sehr, dass er seinen einzigen Sohn dahingab!" (Joh
3,16) Und dann: Für alle gibt es nur einen maßgeblichen Lehrer: Und das ist
Jesus Christus; der aber sagt ausdrücklich von sich: "Der Menschensohn ist
nicht gekommen, um sich bedienen zu lassen, sondern um zu dienen und sein Leben
als Lösegeld für alle hinzugeben!" (Mt 20,28) Und ein Drittes ist die
logische Schlussfolgerung aus dem Gesagten: Ihr alle aber seid Schwestern und
Brüder!
Beim Mühen um das rechte Verständnis, kann es auch hilfreich sein, sich an das
folgende Jesuswort zu erinnern; er richtete es damals an seine Jünger, als er
ihnen die Füße gewaschen hatte. Er sagte: "Begreift ihr, was ich an euch
getan habe?" (Joh 13,12) Diese Frage sollten wir uns immer wieder auch vom
Herrn stellen lassen, wenn es darum geht, recht tief seine Worte, sein
Evangelium zu erfassen. Denn es gibt, so scheint es mir, kein größeres
Hindernis, ganz tief in Jesu Geist und Botschaft einzudringen, als wenn einer
die feste Meinung hat: Er habe alles schon bestens verstanden! - Und dann
kommt noch hinzu: Im Tun, - im Leben und Handeln auf sein Wort hin, wächst
ein immer tieferes Verständnis.
Ich will nun das Wort Jesu "Wer bei euch der Erste sein will, der soll der
Letzte von allen und der Diener aller sein," nicht weiter ausdeuten und
konkretisieren. Aber ich möchte wohl den Rat geben: Mache sich jeder auf, seine
Wege mit dem Herrn zu gehen, - bewahre er sich immer ein offenes Ohr für die
Worte des Herrn, - nähre er in sich den Herzenswunsch, ihm immer ähnlicher
zu werden, - in eine immer tiefere geistige Geeintheit mit ihm
hineinzuwachsen. Und ich bin sicher, dass er gut vorankommen wird!
Pater Johannes Kalmer SCJ