Mit Hilfe Alter Kulturen die Bibel besser verstehen
Gedanken zur alttestamentlichen Lesung am zweiten Fastensonntag 2004:
Genesis 15, 5-12. 17-18.

Abraham ist vor allem eine theologie-geschichtliche Person, die als Vater des Glaubens einen grundlegenden Platz einnimmt im Judentum, Christentum und Islam.
Er ist gleichsam das Vorbild im Glauben schlechthin und Stammvater von Nachkommen, die so zahlreich sind wie die Sterne am Himmel, die man nicht zählen kann. Diese vielen unzählbaren Menschen müssen natürlich auch irgendwo wohnen und so bekommt Abraham von Gott das Land zugewiesen, das damals fast die ganze bekannte Welt umfasste, nämlich den sog. fruchtbaren Halbmond,vom Grenzbach Ägyptens bis zum Euphrat in Mesopotamien.

Diese Verheißungen werden mit einem Bund zwischen Gott und Abraham besiegelt.
Die Beschreibung des kultischen Ritus hört sich im Alten Testament so an:

"Und Gott sprach zu Abraham: Bring mir eine dreijährige Kuh, eine dreijährige Ziege, einen dreijährigen Widder... Und er brachte ihm dies alles und zerteilte es in der Mitte und legte je einen Teil dem anderen gegenüber... Als nun die Sonne untergegangen und es finster geworden war, siehe, da war ein rauchender Ofen, und eine Feuerflamme fuhr zwischen den Fleischstücken hindurch. An dem Tag schloss der Herr einen Bund mit Abraham."

Die Zeit in der man die Ereignisse mit Abraham ansetzt, ist die altsyrische Zeit.
ab 2000 v. Chr. In dieser Zeit war Mari am Westufer des mittleren Euphrat (heute in Syrien nahe an der Grenze zum Irak) eine Stadt mit außerordentlichen Beziehungen im Handelsnetz zwischen dem Mittelmeer, Anatolien (Türkei) und dem heutigen Iran. Um 1930 v. Chr. herrschte in Mari König Zimrilim, in dessen Regierungszeit der berühmte Königspalast von Mari entsteht, der schon zu Lebzeiten des Herrschers als eines der Weltwunder gepriesen wurde.

Was hat nun diese Stadt Mari mit unserem biblischen Text zu tun?
Im Palast von Mari wurden Keilschrifttafeln entdeckt, die von einem Brauchtum berichten, das wir in Verbindung mit unserem biblischen Text bringen können. Bis zur Entdeckung dieser Keilschrifttafeln blieb der alttestamentliche Text unverstanden und rätselhaft. Seit wir die Texte von Mari kennen weiß man: So wurden in Mesopotamien (im Zweistromland) in den Tagen Abrahams Verträge abgeschlossen. Der Vertrag war gültig, sobald die Partner zwischen den aufgeschnittenen Leibern der Tiere hindurchgeschritten sind.
Das Bild vom rauchenden Ofen und der Feuerflamme ist ein Bild für Jahwe, der durch die zerlegten Fleischstücke hindurchgeht.

Die alttestamentlichen Autoren scheuten sich nicht Kultriten aus den Alten Kulturen der Umwelt zu übernehmen, um sie als Bilder für eigene religiöse Aussagen zu verwenden.
Der Bund Gottes mit Abraham ist ein Treuebund, der auch bis in unsere Generation hineinreicht. Auch für uns bleibt er eine Herausforderung. Was können wir heute dazu beitragen den Treuebund zeitgemäß zu aktualisieren?

Pater Hans-Ulrich Vivell SCJ

   

zu anderen interessanten Texten und Links