Mut zur Ökumene

Es gibt zur Ökumene keine Alternative.
Nach einem jugendlichen Enthusiasmus der Anfangsjahre , unmittelbar nach dem 2. Vatikanischen Konzil, ist die Ökumene in eine Reifephase geraten. Wir sehen, dass die Realitäten schwieriger sind, als man es in der Anfangsbegeisterung meinte. Es kommt jetzt darauf an, eine entstandene Zwischensituation verantwortlich zu gestalten.

Der Dialog zwischen und mit einzelnen Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften darf nicht nur ein akademischer Dialog sein, sondern ei Dialog des Lebens. Wir haben uns in erster Linie nicht auseinanderdiskutiert, sondern auseinandergelebt und uns dadurch am Ende nicht mehr verstanden.

Der gemeinsame Weg ist nicht möglich, ohne die eigenen Defizite zu erkennen und anzuerkennen. Es gibt keinen ökumenischen Dialog ohne Selbstkritik, ohne persönliche Bekehrung. Die Bekehrung beginnt nicht mit der Bekehrung des anderen, sondern mit der eigenen Bekehrung und Erneuerung. Es geht nicht um die Rückkehr der anderen, sondern um Umkehr aller zu Christus. Es ist besser zu überlegen, welche Schritte ich auf den Partner hin machen kann, anstatt dem Dialogpartner Schritte zuzumuten, die für ihn derzeit nicht gangbar sind.

Bei einem nicht nach rückwärts, sondern nach vorwärts gerichteten Ökumenismus müssen wir voneinander lernen. Ökumene ist - so sagt es der Papst - ein Austausch der Gaben. Ökumene kommt nicht dadurch voran, dass wir die eigenen Glaubensüberzeugungen aufgeben. Nicht aufgeben sollen wir sie, sondern - wie bei der Rechtfertigungslehre geschehen - tiefer in sie eindringen. Wir sollen tiefer in sie eindringen, dass sie mit der Tradition der anderen Kirche kompatibel wird und mit den anderen Kirchen geteilt werden kann.
Das setzt ernsthafte theologische Arbeit voraus und geht nicht ohne ökumenische Bildung - der Laien, der Priester und auch der Bischöfe. Die Ergebnisse der bisherigen Dialoge sind ja weithin unbekannt geblieben. In den letzten 40 Jahren ist mehr an Gemeinsamkeit gewachsen, als zuvor in den 450 Jahren seit der Reformation. Das ist Grund genug, nicht zu resignieren, sondern mit Hoffnung in die Zukunft zu blicken.

Letztlich sind freilich nicht wir es, die Einheit schaffen können. Die Einheit der Kirchen ist Geschenk des Geistes Gottes. Das Gebet um die Einheit ist darum das Herz der Ökumene. Die Weltgebetswoche für die Einheit der Christen im Januar jeden Jahres ist daher von unschätzbarem Wert auf dem Weg zur Einheit der Kirchen. Es geht um eine Einheit in der Vielfalt und Vielfalt in der Einheit. Man kann auch von einer versöhnten Verschiedenheit sprechen. Damit ist gemeint, dass durch geduldigen Dialog aus Widersprüchen, also aus unversöhnter Verschiedenheit Unterschiede werden, die als unterschiedliche Ansätze begriffen werden können, welche einander nicht ausschließen, sondern ergänzen.

Pater Hans-Ulrich Vivell SCJ

(Pater Hans-Ulrich Vivell SCJ hat hier frei Auszüge wiedergegeben aus einer Rede
von Kardinal Walter Kasper in der Katholische Akademie in Berlin im November 2001)

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