Sind die Seligpreisungen ein Plädoyer für eine Slavenmoral? (Mt 5,1-11)

Arme, Benachteiligte, Verfolgte, Notleidende und Schwache werden selig gepriesen. Sollen diese Menschen glücklich sein, weil sie arm sind, Not und Elend ertragen müssen? Eine solche Auslegung haben sich schon viele Machtinteressen zunutze gemacht, um ihre unmenschlichen Praktiken rechtfertigen zu können.

Alles sträubt sich in uns gegen eine solche Überlegung. Was will, was meint dieser Jesus nur? Jesus geht es einzig und allein um das Reich Gottes. Nicht Armut und Verfogt sein ist ein erstrebenswerter Zustand, sondern das Reich Gottes. Jegliche Erfahrungen von Not und Elend, wie auch immer sie sich zeigen, sind nichts Wertvolles für sich, sondern mögliche Folgen eines Lebens "um des Reiches Gottes willen, bzw. um des Menschensohnes willen". Armut, Not und Leid sind für sich gesehen kein Gütezeichen für ein gutes Leben.

Wer im christlichen Glauben verankert ist, der nimmt Jesus zum Maßstab seines Lebens. Damit macht er die Begegenung mit einer unbegrenzten Liebe, die auch schmerzvolle Erfahrungen zur Folge hat. Menschen können bisweilen so unmenschlich sein, dass der Liebende und Verzeihende, der Gebende und Vertrauende von seiner Umgebung für sein Gutsein "bestraft" wird Jeder von uns wird auf diesem Gebiet seine Enttäuschungen aufweisen können, wie er auch selber nicht selten an solchen Enttäuschungen mitschuldig wird.

Mit den Seligpreisungen spricht uns Jesus die Gültigkeit unseres Gutseins zu. Ein in Christus eingetauchtes Lebensmodell hat seine bleibende Gültigkeit, weil es in der Wirklichkeit Gottes verankert ist. Glücklich also und selig sind die, die sich in der Gegenwart den Menschen in Güte zuwenden und deswegen oft als Narren oder tragische Figuren dastehen.

Pater Hans-Ulrich Vivell SCJ

 

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